Als die Zeiten wieder etwas besser wurden und es auch ab und zu Schokolade oder etwas Fondant zu kaufen gab, ließ meine Mutter nach Möglichkeit nicht aus, hin und wieder für ihre Kleinen, meine beiden Geschwister, auf Lebensmittelkarten solche Sachen einzukaufen. Dann lagerte sie alles sorglich für die Höhepunkte im Jahr. Manchmal, das erzählte meine Mutter später noch oft, schienen aber ihre kleinen Vorräte wieder schmaler zu werden und sie hegte bald einen großen Verdacht. Obwohl dabei nun mein fleißiger Vater gut wegkam, an mich noch gar nicht zu denken gewollt schien und meine Mutter selbst keinerlei Trieb zum Naschen verspürte, musste es also ihre Mutter, meine Oma sein, die stets alle Verstecke aufspürte und fleißig zulangte. So sehr meine Oma auch unsere Familie mit ihrer Arbeit stets mit versorgte, konnte sie sich ihrer Leidenschaft des Naschens nicht entziehen.

Eines Tages wurde meiner Mutter die Sache aber zu bunt und sie stellte ihrer eigene Mutter deswegen zur Rede. Meine stolze und sonst sehr geradlinige Oma, verspürte allerdings keinerlei Drang nach Wahrheit und so kam es zwischen Mutter und Tochter zu einem heftigen Streit. Anschließend dachte meine Mutter: ‚Das geht gar nicht. Ich streite doch nicht mit meiner eigenen Mutter um solche Sachen. Ich treibe ihr das aus und gut. ‘ Gedacht, getan. Meine Mutter erwies sich als initiative Erfinderin und platzierte bei nächster Gelegenheit vor den Augen meiner Oma einige Süßigkeiten im geheimnisvollen Küchenschrank. Dieser sah zu meiner Zeit ungefähr noch so aus:  Weißer Spritzlack, typische Büfett-Form mit tiefer ausgelegter Anrichte als das Oberteil. In der Mitte des Schrankes befand sich auf Erwachsenen-Augenhöhe eine Glasscheibe, rechts und links davon zwei breite Türen ohne Glas. Ein Schrank noch aus echtem Holz. Als Oma eines Abends schlafen ging, legte meine Mutter einen handgeschriebenen Zettel in den Küchenschrank zu den Süßigkeiten, auf welchem zu lesen stand: „Liebe Mutter, wenn Du wieder hier naschst, muss ich künftig nachts die Küche zuschließen. “

Vor dem Schlafengehen horchte meine Mutter nach oben im Haus und bemerkte, dass unsere Oma noch in ihren Räumlichkeiten rumorte. Trotzdem ging meine Mutter guten Gewissens zu Bett. Sicher zu jener Zeit, als im Haus sich nichts mehr rührte, begab sich meine Oma die Treppe hinunter in die Küche. Dort frönte sie ihren Untugenden. Sie kochte sich einen Tee, naschte an den Haferplätzchen und geriet letztlich in den Küchenschrank. Oma betrieb ihre nächtlichen Unternehmungen stets bei vollem Licht. Deshalb stieß sie auch unbedingt auf den Zettel im Küchenschrank.

Am nächsten frühen Morgen beim Aufstehen dachte meine Mutter daran, was nun geschehen würde. Zunächst erschien unsere Oma nicht wie gewohnt zum Frühstück. ‚Aha‘, sagte sich meine Mutter: ‚hier ist etwas im Busch. ‘ Dann hörte sie die Oma oben in ihren Räumen. Nun, alle in unserer Familie wussten, dass Oma nie lange trotzen konnte. Schier um die Mittagszeit, als meine Mutter gerade am Kochherd stand, erschien unsere Oma in der Küche.

Mutter erzählte mir davon, dass die Stimmung zunächst etwas frostig gewesen sei. Doch als Oma noch über ihrem späten Frühstückskaffee saß, platzte ihr plötzlich der Kragen und sie donnerte meine Mutter an, was es solle, einen Zettel in den Küchenschrank zu legen, um damit zu behaupten, jene Person, die in den Schrank gehe, nasche. Das Temperament meiner Oma kannte wohl keine engen Grenzen und sie redete sich immer mehr in Rage, hingegen meine Mutter ruhig blieb und am Herd vor sich hin schmunzelte. Erst als Oma die Luft ausging, drehte sich meine Mutter zu ihr herum und fragte: „Ist es nicht so? Wieso weißt du dann, was auf dem Zettel im Schrank geschrieben stand?“

Über diese Frage sei meine Oma dann noch viel erboster gewesen als vorher. Fortan ging in unserer Familie das Geflüster um, unsere Oma sei gelegentlich jähzornig. Leider verstarb sie schon in meinen frühen Kinderjahren. Mich an sie erinnernd, schätzte ich sie später aber nicht so ein. Aber das nebenbei.

 


Oma lebte also schon nicht mehr, als ich zehn Jahre alt wurde und meine Mutter es plötzlich darauf ankommen ließ, dass ich inzwischen wenigstens einen Rührkuchen allein backen konnte. Da ich bereits kein Kochbuch mehr brauchte, um mir alle Zutaten aufzusagen, begab ich mich recht gern ans Werk und vergaß beim ersten Kuchen natürlich prompt eine Zutat: das Backpulver. Je danach, wann man solche Panne bemerkt, ist die Sache entweder noch zu retten oder schon verdorben. Das sagen die gestandenen Backkünstler, nicht so ich mit zehn Jahren. Etwas Ehrgeiz musste auch sein und sich unter Beweis stellen lassen. Ich buk also den Kuchen im vorgeheizten Backherd aus, da nachträgliches Hinzufügen von Backpulver nicht mehr lohnte, als sich die Teigmasse schon in der Backform befand. Anschließend ließ ich den Kuchen rezeptgemäß noch eine gute Stunde abkühlen. In dieser Zeit überlegte ich mir, mein halbhohes Backwerk waagerecht dreimal durchzuschneiden. Das gelang mir zu meinem eigenen Erstaunen mittels Verwendung eines langen Küchenmessers fürs erste Mal doch ziemlich gut. Fast gerade anmutende Schnittflächen lachten mich hellteigig und gut durchgebacken an. Mit im Wasserbad erhitzter dunkler Schokoladenglasur bestrich ich die Kuchenscheibenringe beidseits und setzte sie dann wieder regelrecht zusammen. Freilich beging ich dabei auch jene Naschsünden meiner Kleinkinderzeit. Aber letztlich kam doch Freude auf, dass die Glasur gerade noch so reichte. Für außen am Kuchen blieb allerdings nichts mehr übrig. Daher rührte ich noch weißen Puderzucker mit etwas flüssiger Butter zusammen und bestrich damit den ganzen aufgetürmten Kuchen. Oben dekorierte ich ihn mit halbierten Walnüssen, die uns stets und jedes Jahr reichlich zur Verfügung standen, da unser großer Nussbaum im Hofgarten immer ganz viel Früchte abwarf. Bis auf die Kleinigkeit, dass meine weiße Außenglasur nicht ganz so fest wurde, wie es wünschenswerter Weise sein soll, verbuchte ich in mir meinen ersten Rührkuchen doch als Erfolg. Jedenfalls sah ihm keiner an, dass er schon während der Zubereitungszeit eine unglückliche Panne erlitt. So lernte ich also zeitig auch das Vertuschen von Fehlern, die in der Küche gemacht werden.

 

 

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