Mutter stellte ein Tellerchen vor meine Nase, auf dem sich etwas eingefallener Hefeteig befand. Sie sah mich aufmunternd an und begab sich selbst in eine weitere Pause am großen Tisch. Ziemlich verzweifelt saß ich seitlich von ihr und verspürte nicht die geringste Lust auf lauwarmen Hefeteig. Meinem Magen ging es noch gar nicht wieder gut. Doch sagen wollte ich das keinesfalls. Andererseits winkte mir ein weiteres Backerlebnis, sofern ich diesen blöden Teig noch in mich hineinstopfen konnte. Was sich Mutter nur dabei dachte, mich in solche Zwangslage zu bringen! Sie konnte doch nicht so gemein sein, meinem Magen noch mehr Probleme bereiten zu wollen. Andererseits wusste sie gar nicht, dass mein Bauch eh schon schmerzte. ‚Nur nichts anmerken lassen‘, dachte ich dann wohl und begann, die kleine Portion Hefeteig doch in Angriff zu nehmen. Sorgenvoll schaute meine Mutter mir von der Seite aus zu, aber sie sagte nichts und ließ mich gewähren. Die Teigmasse wurde mir schon im Mund zum Verhängnis. Solchen Kloss zu bewältigen, sollte mir nicht mehr gelingen und fluchtartig verließ ich die warme Küche in Richtung kaltes Bad.

 In unserem Haus gab es zu damaliger Zeit noch keine Zentralheizung, die alle Räume gleichmäßig erwärmte. Als der Teigklumpen endlich nicht mehr in meinem Munde saß, ging es mir etwas wohler. In die Küche zurückkehrend mutmaßte ich, meine Mutter sei sich völlig darüber im Klaren gewesen, was ihr Teigangebot bei mir auslöste. Ob es mir passte oder nicht, ich musste ihr rechtgeben:

 

Frischer Hefeteig ist nichts für den Magen, weder in ungebackenem Zustand noch als gerade den Herd verlassende Backware.

 

Unsere Pfefferkuchenbäckerei am nächsten Tag erbrachte mir allerdings noch eine weitere nachhaltige Erfahrung. Jedem solchen braunen Teig wird etwas Hirschhornsalz zugesetzt. Als Kleinkind stellte ich mir noch vor, mir würden davon Hörner wachsen. Dann erkannte ich selbst, welcher Hornochse ich zeitlebens bliebe, könnte ich diese Manier des beständigen Naschens an vorbereiteten Zutaten und Teigen nicht ablegen. In den Folgejahren gelang es mir und ich fühlte mich fortan von solcher Schwäche kuriert.

 

Die jährliche Pfefferkuchenbäckerei zog aber nicht nur mich Kind an, sondern auch meinen Vater. Zu glauben, Erwachsene würden aus in ihrer Kindheit eigens gemachten, unguten Erfahrungen nicht mehr naschen, ist insgesamt nicht richtig. Erst sehr spät in meinem Leben erfuhr ich, dass auch mein guter Vater, mein großes Vorbild, für seine Mutter als Kind einen pfiffigen Naschkater darstellte.

 

Gleich dieser Oma frönte auch meine Mutter jährlich der Angewohnheit, ausgebackene Pfefferkuchen in große Steintöpfe zu betten und in unserer Speisekammer abzustellen. Oben zugebunden mit aufliegendem Leinentuch und herum ein straffes Band, durften ihre duftenden, glasierten und reichlich garnierten, braunen Honigkuchen bis zu den Weihnachtsfesttagen durchziehen.

 

Ich erkannte sehr früh, dass ausgerechnet mein Vater in dieser Zeit sehr häufig die sonst von ihm das ganze Jahr über eher wenig wahrgenommene Speisekammer aufsuchte und spätestens ab seinem zweiten Besuch dort, gab es Ärger mit meiner Mutter. Diese bemerkte schnell, dass die Tücher auf den Steintöpfen doch etwas lockerer anmuteten. Ich bekam verbale Schelte. Unberechtigterweise musste ich ihre Litanei jedes Jahr ertragen, weil meine Mutter sich einfach nicht überlegte, dass die Höhe der Regale, auf denen sie die Steintöpfe verwahrte, für mich bis zirka zu meinem elften Lebensjahr untauglich blieb, mich an den ersehnten Pfefferkuchen zu vergreifen. Der richtige Pfefferkuchendieb in unserer Familie blieb lange von ihr unerkannt. 

 

Als ich geboren wurde, gingen meine beiden Geschwister, Brüderchen und Schwesterchen, schon von zuhause fort. Übrig blieben zur damaligen Zeit in unserem Haus nur meine Mutter, mein Vater, meine Oma (mütterlicherseits) und ich. Meine Oma beschäftigte sich noch im Alter gern mit ihrer Nähmaschine. Eine Handwerkermaschine von Pfaff, sagte meine Mutter.

 

Vor dem Krieg lebte ein Teil unserer Familie noch in der Stadt. Meine Oma nähte dort für die bessere Gesellschaft rauschende Ballkleider und schicke Kostüme, eher weniger für die gut situierten Herren, aber das kam gelegentlich wohl auch vor. Dann vereinte der Krieg unsere Familie wieder in dem kleinen Ort, der mein Heimatort wurde. Vorbei die Zeit der Ballkleider. Inzwischen lag zuhause auch keine Fliegerseide mehr herum, aus der meine Mutter einst Socken strickte. Auch Oma gelang immer, aus allen möglichen Materialien noch Gutes zu zaubern mittels ihrer Bein- und Handkraft an eben erwähnter Nähmaschine.

 

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